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Thesen zur bürgerlichen Theologie und zur Entbürgerlichung des Christentums

Vorbemerkung:

Dies hier sind Diskussionsthesen. Sie sind arg eingedampft und abkürzend formuliert. Bitte nicht schlagen. In Wabern können wir über alles reden …

Thesen zur bürgerlichen Theologie

  1. Bürgerliche Theologie ist das Resultat der misslungenen Begegnung zwischen der spiritualistisch geprägten vormodernen großkirchlichen Theologie und dem Denken der aufstrebenden bürgerlichen Bewegung am Anfang der Neuzeit.
  2. Bürgerliche Theologie ist der Modus, in dem sich nach dem Sieg der Aufklärung der Hauptstrom des christlichen Denkens im Westen innerhalb des von ihr vorgegebenen Denkrahmens bewegt.
  3. Dieser Denkrahmen fixiert alle Beteiligten dauerhaft auf die Grundzüge der ursprünglichen Konfliktlage und behindert sie so in ihrer Wahrnehmung gegenwärtiger Realität. Er perpetuiert auf beiden Seiten ein spiritualistisches Verständnis des Christentums einschließlich seines materialistischen Spiegelbildes.
  4. Kern der bürgerlich-liberalen Dogmatik ist das Paradigma des rationalen Warentausches ohne Rest: keine nicht-monetären Loyalitäten oder Antagonismen, keine Eingriffe von außerhalb, keine entsprechenden Stories.
  5. Auf dieser Grundlage entstand ein Kosmos bürgerlicher Theologie, der u.a. gekennzeichnet ist durch:
    1. ein deistisches Gottesbild
    2. ein entsprechendes nicht-eingreifendes Kirchenbild
      (Bemühen um Neutralität in gesellschaftlichen Konflikten bzw. kritisch-ironische Distanz)
    3. Separierung der materiellen und der geistlichen Seite der Welt
    4. (Heils-)Individualismus
    5. ein nicht-biblisches Verständnis der biblischen Aussagen über die Macht Gottes
    6. ein ambivalentes Verhältnis (Über- oder Unterbewertung) zur Rationalität und zur Bibel (umgekehrt proportional)
    7. ein ambivalentes Verhältnis zur real existierenden Christenheit
    8. die Bereitschaft zur Übernahme von Fremdzuschreibungen wie veraltet, inkompetent, heuchlerisch
    9. ein geringes Selbstbewusstsein bzw. gebrochenes Vertrauen in die eigenen Sache
    10. das Verbot, die Kriminal- und Repressionsgeschichte der Moderne christlich zu thematisieren
  6. Bürgerliche Theologie existiert in zwei Hauptströmungen: liberal und evangelikal (bzw. positiv, konservativ, fundamentalistisch …). Beide haben den ursprünglichen Konflikt nicht losgelassen: die erste hat sich auf die Seite der Sieger geschlagen, die zweite versucht immer noch, ihn nachträglich zu gewinnen. Bei allen Konflikten zwischen ihnen sind sie durch die unter 5.) benannten übergreifenden Muster verbunden.

Thesen zur Entbürgerlichung des Christentums

  1. Entbürgerlichung i.e.S. bedeutet Befreiung von Theologie und Christenheit aus dem liberal-materialistischen Denkrahmen der Moderne.
  2. Entbürgerlichung i.e.S. muss sich mit einem Kosmos von Theologie, Verhaltensstilen, Organisationskultur und Charakterprägungen gleichzeitig auseinandersetzen.
  3. Zur Entbürgerlichung i.e.S. gehört die Entwicklung eine Weltbildes, das die verborgene, spirituelle Seite der Wirklichkeit ausdrücklich einbezieht und dabei im Dialog mit der modernen Physik bleibt.
  4. Ohne Entbürgerlichung i.e.S. ist keine Erneuerung der Christenheit möglich.
  5. Entbürgerlichung i.w.S. bedeutet Befreiung von Theologie und Christenheit aus der Fixierung auf die neuzeitliche Urszene der Auseinandersetzung von (christlich geprägtem) Feudalismus und (vernunftlegitimiertem) Bürgertum.
  6. Entbürgerlichung i.w.S. erlaubt es Christenheit und Theologie, ihre spiritualistische Prägung aufzugeben.
  7. Entbürgerlichung i.w.S. erlaubt es der Christenheit, im Schutz des Evangeliums eine nicht machtbasierte Identität auszubilden, ohne sie vom permanenten Herrschaftsverdacht untergraben zu lassen.
  8. Entbürgerlichung i.w.S. zentriert Christenheit und Theologie auf geistlich fundierte Lebenspraxis statt auf Lehre.
  9. Entbürgerlichung i.w.S. entzieht dem Dauerkonflikt zwischen Liberalen und Evangelikalen den Resonanzboden.
  10. Entbürgerlichung i.w.S. entlässt auch die Moderne aus dem Zwang, sich die Welt immer wieder im Bild der Urszene deuten zu müssen.
  11. Entbürgerlichung i.w.S. lässt die Wahrnehmung zu, dass postmoderne Herrschaft nicht durch Verbieten, sondern durch Gewähren und im Namen der Freiheit ausgeübt wird.
  12. Ohne Entbürgerlichung i.w.S. können die von der Moderne produzierten Krisen nicht gelöst werden.

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